Körnerfresser und Weltverbesser

Viele aus meiner Generation in Brögbern werden sich erinnern an die Ökobewegungen der 70er Jahre. Ein Teil der jungen Menschen entwickelte radikale neue Lebensformen. Die Devise hieß: Weg vom Konsumterror, weg vom Fleisch aus Massentierhaltung, weg von Fertigprodukten. Sowohl in der Nahrung als auch bei anderen NonFood-Artikelm. Angesagt waren Handarbeit und Verzicht auf energiefressende Maschinen, wo immer es möglich war. Wie aber war das in einer Gesellschaft, die genau die entgegengesetzten Ziele anstrebte, möglich? Ganz einfach: Weg vom egoistischen Karrieredenken und materiellen Reichtum, und hin zum miteinander Denken, Handeln und Leben. Konsequent umgesetzt sah das so aus, dass sich Menschen zusammentaten, alte leerstehende Bauernhöfe mieteten, um gemeinsam dort zu leben. Dazu gehörte Nutztierhaltung und Ackerbau. Es entstanden WGs mit unterschiedlichsten Menschen und Fähigkeiten, die das gleiche Ziel im Sinn hatten: Gemeinsam nach Wegen zu suchen, die es möglich machten, so gesund und preiswert wie möglich zu leben, die Umwelt und die Mitgeschöpfe zu schonen, die Talente jedes einzelnen Menschen zu fördern und zu fordern. Es wurden Waren in traditionellem Handwerk gefertigt und auf Märkten verkauft. Die Beteiligung an Demonstrationen gegen das damalige Gesellschaftsbild war eine Selbstverständlichkeit.

Ob das funktioniert hat? Nun, es ist wie mit allen Bewegungen. Bei einigen Gruppen hat es tatsächlich über viele Jahre funktioniert. Andere sind am Ziel vorbeigeschossen, haben sich haltlos zerstritten und sich still wieder in die diktierte Demokratie eingefädelt. Wieder andere haben aus den damaligen Zielen ein Dogma gemacht und sind daran zerbrochen.
Was sich alle anhören mussten, waren Beschimpfungen, Ironie und Verunglimpfung. Bezeichnungen wie „spinnende Körnerfresser“ waren da noch eher harmlos. Wer damals dabei war, wird noch heute die Spuren in sich tragen, ob bewusst oder verdrängt.

Jetzt – fast vierzig Jahre später – da fallen einem natürlich die aktuellen Artikel über die Studien der Auswirkungen unseres westlichen Lebensstandards besonders ins Auge. Denn immer mehr und immer öfter, stellen Forscher und Wissenschaftler fest, dass genau die Umweltkatastrophen eingetreten sind, vor denen die „Spinner“ gewarnt haben. Ob es die Verschmutzung zu Land oder Wasser ist: Das Artensterben von Tieren und Pflanzen ist in vollem Gange und nicht zu stoppen. Oder die Klimaveränderungen, die ganze Landstriche mit ihrer Bevölkerung durch Flutwellen, Dauerregen, Orkane oder Trockenheit vernichten. Oder die Überbevölkerung in der Dritten Welt, die, ausgebeutet und abgeschnitten von Nahrung und Bildung, unendliches Leid erdulden muss. Dies alles ist Alltag und nicht aufzuhalten. Jedenfalls nicht in den nächsten 100 Jahren. Jetzt werden die Zustände beklagt und der Ruf nach Umdenken wird immer lauter.

Die Nahrungsressourcen werden in Zukunft knapp werden, Energiekosten werden für immer weniger Menschen erschwinglich sein. Der hochgepriesene Fortschritt auf allen Ebenen entpuppt sich als böse Falle der menschlichen Eitelkeiten. Und während so ganz langsam auch den größten Optimisten und Befürwortern der Generation: „Schneller, besser, höher, mehr“, leichte Zweifel an der Richtigkeit dieser Einstellung kommen, machen sich Länder, die bisher vom Wohlstand weit entfernt waren, auf, um genau die gleichen Fehler zu machen. Auch dort sehnen sich die Menschen nach eigenen Autos, nach Wohlstand und Luxus. Auch dort verschwendet keiner einen Gedanken an die Auswirkungen für nachfolgende Generationen.

Mehr noch, als vor vierzig Jahren, sind heute junge Menschen aufgefordert, sich einzusetzen für eine neue Lebensphilosophie für neue Lebensqualität. Für Artenschutz, für Umweltschutz, für Menschenwürde, für Bildung, für saubere Nahrung, für ein sozial gerechtes Miteinander, für den Schutz von Kindern und Alten, die auf Hilfe und Mitgefühl angewiesen sind.

Neulich sprach ich mit einem Nachbarn, der so um die 80 Jahre alt ist, über diese Dinge. Da sagte er zu mir: „Wenn ich heute noch jung wäre, ich würde Terrorist werden, so wütend bin ich!“ Eine provozierende Aussage von einem alten Mann. Eine Aussage, die ich zwar nicht befürworten kann, aber sie hat mich verdammt nachdenklich gemacht.

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